Unter Strom: Messtechnik trifft auf E-Mobilität
Peter Hahndorf ist bei NET CHECK als Head of Operational Support verantwortlich für die Messdatenakquise. Er und sein Team kümmern sich um die Erfassung der Messdaten – von technischer Ausstattung der Fahrzeuge und Konfiguration der Messsysteme, Beschaffung der richtigen SIM-Karten bis hin zur Disposition der Fahrzeuge, Messsysteme und Messtechniker.
Peter, kannst du kurz erklären, wie die Messfahrzeuge eingesetzt werden?
Bei unseren Mobilfunktests fahren speziell ausgerüstete Fahrzeuge festgelegte Routen durch ganz Deutschland ab, von Autobahnen über Landstraßen bis in Wohngebiete. Das sind die sogenannten Drive Tests.
Die Fahrzeuge sind mit professioneller Messtechnik ausgestattet: Smartphones und Scanner, die kontinuierlich die Netzqualität aller Betreiber messen, Computer zur Datenverarbeitung und GPS-Systeme für die exakte Positionsbestimmung. Diese Systeme laufen während der gesamten Messfahrt und sammeln jährlich mehrere Millionen Messpunkte. In diesem Jahr haben wir zum ersten Mal ein Elektrofahrzeug in der Messflotte eingesetzt, um praktische Erfahrungen zu sammeln.
Klingt erst mal einfach: E-Auto nehmen, losfahren, messen. Wo liegt das Problem?
Die technische Umsetzung der Messkampagnen erfordert Präzision auf allen Ebenen. Damit die Messsysteme über den ganzen Tag zuverlässig laufen, muss die Stromversorgung ausdauernd und stabil sein. Kleinste Fehler oder Ausfälle führen zu Datenlücken und damit zu teuren Nachfahrten.
Beim Elektrofahrzeug haben wir festgestellt, dass die Planung aufwendiger wird. Zum einen ist die Reichweite grundsätzlich geringer als bei konventionellen Fahrzeugen, und bei unseren Messfahrten kommt hinzu, dass die Messtechnik permanent Strom verbraucht – das reduziert die verfügbare Reichweite zusätzlich. In der Praxis bedeutet das: Wir mussten die Routen deutlich häufiger unterbrechen für Ladestopps.
Dann wäre da die Ladeinfrastruktur: Zum einen benötigen wir Hotels mit Lademöglichkeiten, die sind oft teurer. Außerdem ist die Ladeinfrastruktur noch nicht überall zuverlässig, Ladesäulen können belegt oder defekt sein. Das bedeutet, dass die Arbeitszeit pro Messstunde steigt, weil das Laden mehr Zeit beansprucht als das Tanken. Wir müssen mehr Personal und Zeit einplanen, um die gleiche Datenmenge zu erfassen.
Das hat einen direkten Einfluss auf die Effizienz. Wenn ein Messfahrzeug steht und lädt, sammelt es keine Daten. Die Messdauer erstreckt sich dadurch über spürbar mehr Zeit. Das bedeutet mehr Personalstunden, mehr Hotelübernachtungen und insgesamt einen höheren Ressourceneinsatz.

Mit dem Kia EV3 war im Netztest 2025 auch ein Messwagen mit Batterieantrieb im Einsatz.
Elektromobilität gibt es ja nicht erst seit gestern – warum jetzt der Test?
Nachhaltigkeit ist uns wichtig, deshalb setzen wir verstärkt auf Elektromobilität und arbeiten kontinuierlich daran, unseren CO2-Abdruck zu reduzieren. Gerade bei Messfahrten stoßen Elektroautos jedoch an spezifische Grenzen. Der Grund: Der Energiebedarf für die Messtechnik ist enorm. Scanner, Computer und Smartphones samt Klimatisierung zur Temperaturregelung der sensiblen Technik müssen während der gesamten Fahrt durchlaufen – das alles zusätzlich zum Fahrbetrieb selbst.
Einen großen Fortschritt gibt es durch die V2L-Technologie („Vehicle to Load“), durch die die Batterie des Fahrzeugs externe Geräte – wie die umfangreichen Messsysteme – zuverlässig mit ausreichend Strom versorgen kann. Dadurch wird der kontinuierliche Betrieb der energieintensiven Messsysteme während der Messfahrten erst möglich. Kia bietet diese Technologie und unterstützt uns bei der Messdatenakquise.
Unterstützung erhalten wir auch durch DKV Mobility, so dass wir beim Laden über Nacht Blockiergebühren vermeiden können. Dennoch bleiben die grundsätzlichen Herausforderungen: begrenzte Reichweite unter Realbedingungen, längere Standzeiten durch Ladevorgänge und eine Ladeinfrastruktur, die noch nicht flächendeckend verfügbar ist. Für Messfahrten mit straffen Zeitplänen und hohen Datenanforderungen bedeutet das einen erheblichen Mehraufwand.
Was bedeutet der Test mit dem E-Auto konkret für eure Kunden?
Der Einfluss ist erheblich. Die eigentlichen Routen bleiben zwar gleich, aber die Durchführung wird komplexer und zeitintensiver. In der Praxis bedeutet das: Eine Messstrecke, die mit einem konventionellen Fahrzeug in einer bestimmten Zeit abgeschlossen ist, dauert mit einem E-Fahrzeug merklich länger. Mehr Zeit bedeutet automatisch höhere Personalkosten, mehr Übernachtungen und eine insgesamt aufwändigere Logistik. Diese Mehrkosten sind real und müssen in der Projektkalkulation berücksichtigt werden.
Welche Perspektive siehst du für zukünftige Messfahrten?
Wir beobachten die Entwicklung der E-Mobilität und der Ladeinfrastruktur sehr genau, denn Nachhaltigkeit ist ein übergeordnetes Anliegen, das unsere Entscheidungen in allen Bereichen beeinflusst. Mit steigenden Akkukapazitäten, höherer Ladeleistung und dem stetigen Ausbau der Infrastruktur wird der Einsatz von E-Fahrzeugen in Zukunft einfacher, wirtschaftlicher und unsere Prozesse werden effizienter und flexibler. Daher ist es für uns selbstverständlich, diese technologischen Fortschritte aktiv zu verfolgen und in unsere zukünftige strategische Planung einzubeziehen.
In Kürze erscheint der Mobilfunktest 2025 von NET CHECK und CHIP, der wohl härteste Test Deutschlands. Ab 5. Dezember ist das Print-Magazin am Kiosk erhältlich, schon vorher wird der Test online erscheinen.